Wir sind heute ein sterbendes Volk

Deutschland ist ein von der Kinderabtreibung ruiniertes Land: keine Kinder, kein Leben, keine Zukunft. Was tut die Kirche gegen die Abtreibung? Nichts. Ein Interview mit Walter Ramm.

Die Gesellschaft vergreist 

Walter Ramm ist ein Lebensrechtler der ersten Stunden. Er ist Vorsitzender der deutschen Lebensrechtsorganisation ‘Aktion Leben e.V.’ (Deutschland). Die Aktion Leben e.V. wurde 1979 gegründet und ist heute die mitgliederstärkste Lebensrechtsorganisation in Deutschland.

Vor dreißig Jahren und 5 Tagen wurde in Deutschland die Fristenendlösung eingeführt. Was hat diese Unrechtssprechung in Deutschland verändert?

Walter Ramm: Alles. Wir sind heute ein sterbendes Volk. Man spricht zwischenzeitlich von einer „demographischen Schieflage“. Ein Blick auf unsere Sozialsysteme – Gesundheit, Renten – aber auch auf die Wirtschaft und Gesellschaft und nicht zuletzt auch auf unsere Kirche zeigt: Wir haben keine Kinder mehr. Es gibt keine Beitragszahler. Es herrscht der Pflegenotstand. Wir brauchen Zuwanderer: jährlich 250.000 bis 300.000 Menschen. Das ist fast exakt die Anzahl von Menschen, die wir seit dreißig Jahren jährlich durch Abtreibung umbringen. In unserer Kirche fehlen auch die Berufungen. Woher sollen sie angesichts der tiefen Geburtenzahlen auch kommen?

Was ist nach dreißig Jahren Abtreibungsparagraph das Ziel der ‘Aktion Leben Deutschland’?

Walter Ramm: Es war am 28. Dezember 1976. Damals habe ich mit anderen am Grab von Kardinal Clemens August von Galen in Münster das Versprechen abgelegt, nicht zu rasten und nicht zu ruhen bis das unheilvolle Abtreibungsgesetz § 218 – das den Kindern Mord und Totschlag bringt – hinweggefegt ist. Aber was noch wichtiger ist: Wir haben uns damals auch geschworen, um das Seelenheil jener zu kämpfen, die an diesem Babycaust schuldig oder mitschuldig werden. Daran hat sich bis heute nichts geändert, allenfalls, daß zur Abtreibungsfrage die Hilflosentötung und die Beihilfe zum Selbstmord hinzugekommen sind.

Welche Mittel wählen Sie, um den mörderischen Abtreibungsparagraphen hinwegzufegen?

Walter Ramm: Ora et labora – Gebet und Arbeit. Vor allem das Gebet und Opfer, aber auch die Information über das Wesen der Abtreibungstötung. Nur wenn es uns gelingt, in der Kirche und in der Bevölkerung die Menschen für diese Fragen zu sensibilisieren, werden die Politiker darauf reagieren.

Wie realistisch bewerten Sie eine neuerliche Bestrafung der vorgeburtlichen Kindertötung?

Walter Ramm: Wir sind derzeit einfach am kürzeren Hebel. Nach menschlichem Ermessen gibt es im Augenblick keine Wende. Aber ein Heiliger sagte einmal: Herr es scheint aussichtslos, aber Du bist allmächtig. Im Augenblick scheint Gott den Leidensdruck auf die kinderlose und sterilisierte Gesellschaft zu erhöhen.

Auf welche Weise werden Sie von der Kirche in Ihrem Lebensrechtsapostolat unterstützt?

Walter Ramm: Unterstützt? Auf gar keine. Wir sind schon froh, wenn man uns bei den wenigen Gelegenheiten, z.B. bei Vorträgen und Aktionen in Gemeinden, überhaupt arbeiten läßt. Viele durchaus auch gut gemeinte Entwicklungen und Aktivitäten in der Kirche sind eher kontraproduktiv, durch entweder gar keine oder nur sehr verschwommene Darstellung der Realität der Abtreibungstötung.

Was würden Sie sich von der Kirche im Kampf für die Lebensrechte der ungeborenen Menschen erwarten?

Walter Ramm: Daß man auch hierzulande die Bemühungen des Heiligen Vaters um mehr Klarheit und Wahrheit unterstützt. Diesem Ziel dient sicher nicht, wenn die Deutsche Bischofskonferenz zum Beispiel die Enzyklika ‘Humanae vitae’ nicht verbreitet und stur an der „Königsteiner Erklärung“ festhält, mit der die Bischofskonferenz im Jahr 1968 ‘Humanae vitae’ verwässerte und die künstliche Kinderverhütung dem Gewissen der Eheleute überlassen hat.

Wie glauben Sie, wird die Abtreibungssituation in zehn Jahren aussehen?

Ich denke, daß die Not in der Gesellschaft zu einem Umdenken führen wird, ob das in fünf, zehn, oder zwanzig Jahren geschehen wird, weiß ich nicht.

(kreuz.net, Abtsteinach)