Finstere Aussichten

Die nächste Entwicklung der Abtreibungsgesetzgebung wird einem unwilligen Kindsvater das Recht einräumen müssen, die von ihm geschwängerte Mutter auch gegen deren Willen in den Kinderschlachthof schleifen zu können.

Der deutsche Philosoph Robert Spaemann (78) kommentierte für die Mittwochsausgabe der ‘Frankfurter Allgemeine Zeitung’ das jüngste Urteil des Europäischen Gerichtshofes in Straßburg zur vorgeburtlichen Kindertötung.

Spaemann war bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1992 ordentlicher Professor an den Universitäten von Stuttgart, Heidelberg und zuletzt in München. Er lebt in Stuttgart im Südwesten Deutschlands.

Anlaß für den Artikel des Philosophen war ein Urteil des Europäischen Gerichtshofes Anfang März. Das Urteil verwehrte es einer britischen Mutter, ihre im Reagenzglas gezeugten Kinder auch gegen den Willen des Kindsvaters austragen zu können.

Spaemann erklärt, daß dem Vater in dem Urteil das Recht eingeräumt werde, eine bereits bekundete Bereitschaft zum Vaterwerden zu widerrufen und die Ermordung seiner bereits gezeugten Kinder zu verlangen.

Unter diesen Bedingungen gebe es keinen plausiblen Grund, warum ein Kindsvater „das nicht auch verlangen dürfte, wenn er das Kind auf normale Weise gezeugt hätte“.

Dies gelte insbesondere im Fall, wenn der Vater sein Kind gegen die eigene Absicht oder wenn er ein behindertes Kind gezeugt habe – folgert Spaemann:

Vom Straßburger Urteil bis zum sogenannten Recht des Vaters, von der Mutter eine Abtreibung zu verlangen, wenn ihm die Aussicht auf Vaterschaft lästig ist oder er sich mit der Frau überworfen hat, sei es nur ein sehr kleiner Schritt.

Seit Jahrzehnten würden Überlegungen dieser Art – die Sorge vor dem „B“, das man sagen müsse, wenn man „A“ gesagt habe – als Hirngespinst abgetan.

„Und immer, wenn dann der nächste Schritt auf der Tagesordnung steht, geht die Beschwichtigung von vorne los.“ Inzwischen befinde sich die Gesetzgebung längst im Gleiten auf der schiefen Bahn.

Deshalb werde die Reaktion umso nervöser, wenn sich jemand nach dem Ende dieses Prozesses erkundigt.

Die Frage, wann Promotoren dieses Prozesses endlich erklären würden, am Ziel angelangt zu sein, sei politisch unkorrekt und dürfe nicht gestellt werden.

Es gehöre zu dieser Ideologie, daß das Ziel nicht benennbar sei – so Spaemann: Es gebe nämlich in Wirklichkeit gar kein Ziel.

Wohl aber gebe es ein Ende – jenes, das nur Ende und nicht Ziel ist: der Tod.

Wer die Bedingtheit des Lebens beseitigen wolle, müsse das Leben beseitigen. Wer um jeden Preis jedes Leiden beseitigen wolle, müsse die Leidenden beseitigen, resümiert der Philosoph.

Für den Prozeß, der hier im Gang sei, gelte Goethes Wort: „Man geht nie weiter, als wenn man vergessen hat, wohin man geht.“

20.03.2006, kreuz.net