Die Benutzten

4monat.jpg„Kriege sind einfach zu begrenzt. Sie lohnen kaum noch. Aber unsere Ziele erreichen wir dennoch. Einfallsreichtum ist alles.“ Ein Zwiegespräch. Von Christian von Kamp.

„Weshalb machen Sie das alles? Was treibt Sie?“

Er sah mich lange traurig an. Dann schüttelte er den Kopf.

„Gut, was anderes. Sie sagten vorhin, die große Zeit der Kriege sei vorbei.“

„Sie bringen heutzutage nichts mehr. Sehen Sie, hier ein paar hunderttausend Tote, dort ein oder zwei Millionen – geradezu lächerlich. Die Kriege sind einfach zu begrenzt, sie lohnen kaum noch. Aber unser Ziel“ – seine Stimme schnellte in die Höhe – „erreichen wir dennoch. Einfallsreichtum ist alles.“

Ich schaute ihn neugierig an.

„Wissen Sie, mein Freund, wir gehen heute subtiler zu Werk als früher. Sie werden es kaum glauben, aber wir waren selbst erstaunt festzustellen, wie wirksam unsere neuen Methoden sind.“ Befriedigt rieb er sich die Hände. „Die Leute müssen überzeugt sein, aus eigenem Antrieb zu handeln. Dann verrichten sie jede Arbeit mit Feuereifer.“

„Können Sie Beispiele nennen?“

Er lehnte sich im Sessel zurück und zündete sich in aller Ruhe eine Zigarre an. Erst nach einigem Zögern begann er:

„Schon viele Jahre vorher liefen unsere Vorbereitungen. In den Sechzigern ging es dann richtig los.“ Genüßlich ließ er die Wörter auf der Zunge zergehen. „‘Freiheit’ hieß die Parole. Eine gute Sache.“ Er redete doppeldeutig. „Freiheit von den Werten der Erwachsenen. Die hatten zwei Weltkriege geführt, und jetzt dachten sie nur an Häuslebauen und Auto. Konsum. Verständlich, daß die Jugend anderes wollte. Anrührend, nicht wahr?“ Er lachte. „Liebe, oder besser: ‘love’. Frieden. Gleichheit. Wir konnten einige Vokabeln aus der Französischen Revolution wiederverwenden.“

Mir schwoll der Hals.

„Nachdem wir erst einmal die Basis aktiviert hatten, waren die Politiker am leichtesten zu handhaben. Sie verhielten sich pflichtgemäß opportunistisch.“

„Und die Medien?“

„Es war für uns ein Glücksfall, daß das Fernsehen erfunden wurde. Die Presse hat zwar sehr geholfen, aber für eine Massenbewegung … Die Glotze ist für unsere Ziele geradezu ideal. Erspart das Denken. Denken strengt an.“

„Denken ist ein Zeichen von Freiheit!“

Er lachte höhnisch. „Glauben Sie allen Ernstes, die Menschen wollen frei sein? Ist doch viel zu mühsam. Unser Glück! Ohne die menschlichen Schwächen wären wir – aufgeschmissen. Trägheit und Bequemlichkeit. Eitelkeit. Macht. Damit sind schon neun Zehntel gewonnen. Oder auch Verdrängung und Vergeßlichkeit. Es ist unfaßbar, wie schnell Menschen vergessen. Doch das Beste: Feigheit und Gleichgültigkeit. Diese beiden reichen aus, um Welten zu zerstören … Aber wir kommen vom Thema ab.“

„Politik. Und Medien …“

„Ja. Und nicht zu vergessen unseren Trumpf. Ohne den taugen auch die Medien nur die Hälfte, Kapital alleine reicht nicht aus. Unser Trumpf ist die innere Leere. Sie öffnet für äußerliche Lehren.“ Er grinste über sein eigenes Wortspiel. „Am besten natürlich für unsere Lehren. Fortschrittsglaube. Materialismus. Egoismus. Feminismus …“

„Feminismus? Aber …“

„Natürlich. Sie wollen sagen: Frauen waren in vielem benachteiligt. Also haben sie doch zurecht … Ich stimme Ihnen zu.“

„Aber wieso behaupten Sie …?“

„Es kommt auf die Mischung an. Man nehme ein paar Tatsachen, lasse hier ein wenig weg, füge dort etwas hinzu, übertreibe ein bißchen, relativiere und verabsolutiere, stilisiere die extreme Ausnahme zum Regelfall hoch, verändere Worte oder ihre Bedeutung, schaffe ein Feindbild, klebe sich das Etikett des Retters auf, darüber gieße man ehrliche Empörung – und schon gärt das Gebräu. Es gibt kaum bessere Methoden, um mit der Menschenbrut fertig zu werden. Doch, eines gehört noch dazu: Negation ausstreuen, bis der Mensch sich selbst haßt.“

„Aber gerade der Feminismus mit seiner Unabhängigkeit von den Linken und Grünen und den Medien …“

„… geht seinen eigenen Weg, wie? Autonom, was? Sie Naivling.“

Ich machte eine heftige Bewegung.

„Hübsch, sehr hübsch.“ Ein maliziöses Lächeln umspielte seinen Mund. „Je mehr sie an ihre Unabhängigkeit glauben, um so bessere Werkzeuge sind sie.“ Seine Stimme klang perfide. „Und all die anderen, die die Welt verbessern wollen und sich dabei selbst belügen. Perfekte Welt. Perfekte Menschen. Perfekte Tote.“

Ich sprang auf. Der Stuhl polterte.

„Fünfzig Millionen Menschen“, rief er mir hinterher. „Durch Abtreibung getötet. Fünfzig Millionen Leichen. Jährlich. Ein besserer Jahresschnitt als im Zweiten Weltkrieg.“ Seine Stimme wurde schrill.

„Fünfzig Millionen! Eine phantastische Ausbeute!“

21. April 2006 kreuz.net