Der Mutter die Gurgel durchgeschnitten

Wer keine positive Muttererfahrungen besitzt, wird sehnsuchtskrank. Er wird versuchen, seinen Heißhunger nach Liebe anderswo zu stillen – oft mit zerstörerischen Folgen. Ein Mahnruf von Christa Meves.

Aldous Huxleys Vision von 1932, daß in der „Brave New World“ die Mutter abgeschafft werde, sei gesellschaftliche längst wahr geworden.

Das erklärte die Kinder- und Jugendtherapeutin Christa Meves Anfang Mai in der konservativen Wochenzeitung ‘Rheinischer Merkur’.

Seit 35 Jahren sei das Muttersein ins Abseits geraten: „Selbst das Wort »Mutter« kommt in den neuen öffentlichen Diskussionen um die Familie kaum vor.“

Nach den vielen Programmen für die sich selber bestimmende Frau sei der Versuch verwirklicht worden, die Mutter gesellschaftlich zu eliminieren: „Mutter mag man nicht mehr sein.“

Man könne häufig auch gar nicht mehr Mutter sein: „Es sei denn, man setzt sich freiwillig der Verarmung aus.“ Frau Meves wörtlich:

„Man mag nicht mehr Mutter sein, weil man dann schief angesehen wird, schon ganz und gar, wenn man mehr als zwei Kinder hat.

Man mag nicht mehr Mutter sein, weil andere Lebensformen sehr viel weniger beschwerlich und doch auch erreichbar und anziehend sind.

Man mag nicht mehr Mutter sein, weil man sich durch das Kind langzeitig mit einem Mann verbindet, den man vielleicht aber nur kurzzeitig leiden kann.

Man kann nicht mehr Mutter sein, weil man von Geburt an unfruchtbar ist, die Organe dafür krank geworden sind oder der Partner zeugungsunfähig ist.

Man kann nicht mehr Mutter sein, weil man zu alt geworden ist und rechtzeitig dafür keinen Partner gefunden hat, und neuerdings immer häufiger:

Man kann es sich nicht leisten, Mutter zu werden, weil der finanzielle Status das nicht mehr hergibt.“

Man werde in absehbarer Zeit – so Frau Meves – gar nicht mehr Mutter sein dürfen, weil der Staat immer mehr nach den Kindern greife:

• „Erstens indem er die Mütter, die ohne Einkommen sind, so wenig entlastet, daß sie genötigt werden, zum Geldverdienen von ihren Kindern wegzugehen und ihre Säuglinge in Krippen abzugeben.

• Zweitens indem er in Erwägung zieht, Kindergärten und Kindertagesstätten zur staatlich verordneten Pflicht zu erheben.

• Drittens indem die Grundschulkinder von Anfang an viel zu lange hausfern sein müssen.

• Viertens indem er die Ganztagsschule durchzusetzen sucht.

• Fünftens indem der Staat nicht den Vollmüttern, sondern allein den erwerbstätigen Müttern eine Rente zubilligt.“

Die menschliche Sehnsucht nach der guten Mutter und nach Geborgenheit am Lebensanfang stehe dazu in krassem Gegensatz.

Diese Sehnsucht werde in der psychotherapeutischen Arbeit sichtbar:

„Bei den professionellen Heilern sucht sich die von Muttersehnsucht verzehrte Menschheit oft einen in der erwarteten emotionalen Tiefe kaum erfüllbaren Ersatz.“

Frau Meves erwähnt einen Kindertest für Acht- bis Zwölfjährige, bei dem der Satz „Ich mag meine Mutter, aber…“ vom Kind vervollständigt werden soll.

90 Prozent der Kinder ergänzen: „Aber sie ist ja so viel weg“ oder „Aber sie ist uns doch weggelaufen“ oder „Aber sie hat keine Zeit“ oder „Aber sie muß doch arbeiten.“

Nur wenige – meist Jungen – schreiben: „Aber sie meckert zu viel“.

Muttersehnsüchte artikulieren nicht nur Grundschulkinder.

In der Gesprächstherapie kommen Müttersehnsüchte von Erwachsenen oft als abgrundtiefe Verlorenheit, als „Schwarzes Loch“ in der Seele zum Ausdruck, so Frau Meves.

Menschen mit eher depressiven Neigungen würden sich sogar schämen, kritische Einschätzungen ihrer Mutter vorzubringen: „Sie reagieren mit einem schlechten Gewissen, manchmal sogar mit Selbstbestrafungstendenzen.“

Frau Meves erwähnt Arme aufritzen, Haare ausreißen, Hungersucht, notorischer Frauenhaß oder Alkohol.

Die fehlende Mutter präge sich im Menschen als Angst vor Verlassenheit, als Gefühl des Ausgesetztseins wie eine oft nur mühsam vernarbte Wunde in das Gehirn ein.

In der Sprache der Hirnforscher: „Der durch Angststreß hervorgerufene Cortisol-Spiegel normalisiert sich nicht wieder und macht chronisch streßanfällig und betäubungsbedürftig.“

„Sucht ist der Ersatz für die veruntreute Mutter“, zitiert Frau Meves den großen ungarischen Psychologen, Leopold Szondi († 1986).

Das sei auch dann der Fall, wenn sich eine Mutter im Sinne moderner Erziehungsratschläge ihrem Kind gegenüber verhalten habe: nicht nah, sondern in Distanz, um das Kind dadurch pflegeleicht zu machen – cool vor allem.

Die Sehnsuchtskranken würden ihre unerfüllte Liebesansprüche weitergeben: an den Versuch, alles in sich hineinzuschlingen, zu viel zu essen, so daß sie dadurch schon als Kinder fett werden – oder sie erwerben, was sich kaufen und doch gar nicht verbrauchen läßt.

„Oder sie umklammern den Menschen, der sich ihnen zuwendet, so, daß er geradezu daran zu ersticken droht und sich bald davonmacht. Sie sind eben »nimmersatt«.

Wie sieht die gute Mutter aus, nach der sich die Seelen der Menschen in unseren kinderfeindlichen Industrienationen kaputtsehnen?“ – fragt Frau Meves:

„Die entmutterten Menschen in unserer Welt sehnen sich nach einer Mutter, die sie einhüllt – die ihnen in einer Weise nahe ist, daß sie sich vollständig angenommen fühlen.“

Sie würden sich noch als Erwachsene nach der Mutter sehen, die errät, was mit ihrem Kind ist, noch bevor es das selber merkt, und sie projizieren diesen Riesenanspruch auf die Menschen in ihrem Umfeld.

„Sie sehnen sich nach einer Weiblichkeit, die sich ihnen mit ihrem ganzen Sein zuwendet, die sie ernst nimmt und ihnen eine alles verstehende Hand auf den Kopf legt.“

Sie würden sich nach einer Mutter sehnen, die ihnen mit leiser Stimme wiegend und tröstend ins Ohr summt. Und dann entscheidend:

„Daß sie auch die Mutter brauchen, die ihnen hilft, sich von ihr zu lösen, scheint unter der Allmacht der Sehnsucht nach leiblicher Nähe wie zerronnen. Denn das wäre doch erst der zweite Schritt.“

Es gibt – so Frau Meves – heute noch Menschen, die vom Glück einer guten Mutter berichten können:

„Ich habe eine wunderbare, immer verständnisbereite, mich nie bedrängende, sondern mich freilassende, mitdenkende, mich lebenslänglich seelisch begleitende Mutter gehabt. Sie hat mich mit einer inneren Stabilität ausgestattet, die es mir möglich machte, den Stürmen des Lebens standzuhalten.“

Dabei müsse es einfühlsam, liebevoll und urnatürlich zugehen. Das sei so von der Natur vorgesehen. Denn ohne solche Mütter am Lebensanfang ersticke der Schrei nach ihr zu resignierter Mutlosigkeit oder nie befriedigter Gier.

„»Ohne Mutter kannst du nicht leben«, hat uns Hermann Hesse zugerufen. Gute Mütter brauchen wir, damit wir Zukunft haben“ – so Frau Meves abschließend.

27.05.2006 kreuz.net