Es gibt bei uns kein größeres Tabuthema

Der Österreicher Andreas Kirchmair ist Diplomingenieur, Betriebsinformatiker und Unternehmensberater: Wir stehen vor einem Versagen des gesamten politischen Establishments. Leider hat auch die Katholische Kirche Österreichs viel zulange geschwiegen.

Was versteht man unter Schutz ungeborenen Lebens?

Mir gefällt die Formulierung Schutz ungeborener Kinder weit besser. Es handelt sich um Menschenkinder von Anbeginn von der Empfängnis an. Sie haben Vater und Mutter.

Was ist Abtreibung?

Abtreibung bedeutet, daß diese Kinder vor ihrer Geburt im Schoß der Mutter oder außerhalb auf grausame Art und Weise getötet werden. Wer nicht weiß, was sich da abspielt, soll den Film von Dr. Bernard Nathanson ‘Der stumme Schrei’ anschauen. Aber damit ist die Sache noch nicht zuende.

Was meinen Sie?

Unglaublich viele Frauen leiden jahre- und jahrzehntelang körperlich und seelisch an den Folgen der Abtreibung eines Kindes. Ich rede vom Post Abortion Syndrom. Das kann bis zur Selbstzerstörung und zum Selbstmord gehen.

Können Sie für Österreich Zahlen nennen?

Experten rechnen jährlich mit 60.000 bis 80.000 Kinderabtreibungen in Österreich. Also rund 200 Kinder täglich.

Im katholischen Österreich wird jedes zweite bis dritte Kind vor seiner Geburt getötet.

Seit wann geht diese Tragödie vor sich?

1974 beschloß der österreichische Nationalrat mit einer Drei-Stimmen-Mehrheit der Sozialdemokraten und gegen die Stimmen der ÖVP und der FPÖ die Fristenregelung. Sie sieht Straffreiheit für Mütter und abtreibende Ärzte vor, sofern sie ein ungeborenes Kind in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten töten.

Gibt es Ausnahmen?

Ja. Falls ein ungeborener Mensch einer Behinderung verdächtigt wird, ist seine straffreie Tötung bis zur Geburt gestattet.

Wäre eine Rückkehr zu den Zuständen vor 1974 die Lösung?

Die gesetzliche Regelung vor 1974 war nicht perfekt. Es gab in der Vergangenheit viel Unrecht, wenn ich nur an die Diskriminierung lediger Mütter und unehelicher Kinder denke.

Aber die Fristenregelung ist in unserem Rechtsstaat ein Trojanisches Pferd. Sie führt zur Zerstörung von Familien und Glaube und vernichtet zuletzt das ganze Land.

Sie ist ein absurdes, völlig unlogisches Gesetz, das auf Willkür basiert. Jeder Jus-Student mit Hausverstand könnte es aushebeln.

Wie beurteilen Sie also die gegenwärtige Lage?

Die derzeitige Situation ist – und das seit Jahrzehnten – unerträglich. Sie schreit zum Himmel. Die ungeborenen Kinder besitzen keine einflußreiche und finanzkräftige Lobby. Keine Partei tritt für sie ein. Sogar die Kirchen in Österreich haben andere Prioritäten.

Für Tote, die niemand kennen will, gibt es keine Trauerklage…

Unsere Kinder und Enkel werden uns einmal fragen, was wir unternommen haben, um den Tod hunderttausender Ungeborener und das Leid ihrer Eltern insbesondere ihrer Mütter zu verhindern.

Sie werden uns fragen, warum
wir den Kindermangel beklagt und gleichzeitig weggeschaut haben, als auch mit öffentlichen Geldern und in öffentlichen Einrichtungen ungeborene Menschen getötet wurden.

Warum wir zugeschaut haben, wie Gebärstationen geschlossen und Kinderabtreibungen zu einem Bombengeschäft wurden. Sie werden uns einmal barbarisch nennen und das zurecht.

Sehen Sie die Kinderabtreibung als eine Errungenschaft der Frauenbewegung?

Ich habe mit meiner Ehegattin viel über dieses Thema geredet und traue mir auch als Mann eine Antwort auf diese Frage zu.

Vorweg ein kleiner Exkurs. Es gibt in unserer Gesellschaft einen weitverbreiteten Konsens gegen die Todesstrafe, die in Österreich erst 1950 abgeschafft wurde.

Als vor einem Jahr im fernen Kalifornien ein Verbrecher hingerichtet wurde, erregte sich fast die ganze Steiermark.

Wenn aber im eigenen Bundesland jährlich rund 10.000 ungeborene Menschen nicht weiterleben dürfen, hüllen sich die gleichen Politiker in betretenes Schweigen.

Aber zurück zu Ihrer Frage: Das ungeborene Kind gehört weder seiner Mutter noch seinem Vater. Es ist auch kein Organ, sondern eine eigene schutzbedürftige vor dem Gesetz sogar erbberechtigte Person.

Der Kampfruf „Mein Bauch gehört mir!“ stellt das Kind als Teil des Mutterleibes hin…

Die Zeiten, als wie im alten Rom der Vater oder die Mutter Herren über Leben und Tod ihrer Kinder waren, sind seit 2.000 Jahren vorbei.

Das Recht zu töten steht niemandem zu. Das ist Willkür des Stärkeren. Das Kind ist unschuldig. Es hat sich nicht selber ins Leben gerufen. Ein viermonatiges Kind ist heute dank medizinischer Fortschritte sowohl im Mutterleib als auch außerhalb überlebensfähig.

Heute bemühen sich viele sogenannte Ärzte viel häufiger um die Tötung als um die Rettung ungeborener Menschen. Sie organisierten im Sept. 2004 sogar einen Weltkongreß für über 300 Abtreibungsärzte in Wien und wurden im Rathaus empfangen.

3.400 Jahre verpflichtete der Eid des Hippokrates die Ärzte, keine Abtreibungen vorzunehmen. Seit dreißig Jahren, also im Vergleich ein kleiner Zeitraum, haben sich viele Ärzte von Hippokrates abgewandt.

Das tut dem Ärztestand nicht gut. Abtreibungen ruinieren ihren guten Ruf, weil Töten und Heilen Widersprüche sind. Dazu kommt in jüngster Zeit noch die Euthanasie, die eine Zwillingsschwester der Abtreibung ist.

Warum redet unserer Zeit nicht offen über die Kinderabtreibung?

Weil es bei uns zur Zeit kein größeres Tabuthema als die Abtreibung ungeborener Menschen gibt.

Daher ist eine meterdicke Schweigemauer entstanden umgeben von heuchlerischen Begriffen wie Schwangerschaftsabbruch , Fristenlösung , Embryonalgewebe usw. Daneben wird mit Verdrehungen und blanken Lügen meist gegenüber Lebensschützern operiert.

Reden Sie aus Erfahrung?

Diese Mauer habe ich in zahlreichen Gesprächen und im Briefwechsel mit Politikern, Bischöfen, Journalisten persönlich kennengelernt. Es traut sich da kaum noch jemand hinschauen.

Wie erklären Sie diesen Verdrängungsmechanismus?

In der Bevölkerung gibt es nach 30 Jahren schon zu viele Betroffene. Es ist soviel Schuld entstanden, daß niemand mehr weiß, wie diese abgetragen werden kann.

Schuldabtragen wäre das Spezialgebiet der Kirche…

Wir stehen vor einem Versagen des gesamten gesellschaftspolitischen Establishments. Leider hat auch die Katholische Kirche Österreichs viel zulange geschwiegen, was mich besonders schmerzt.

Was tun die Parteien?

Sie versinken immer tiefer in den Sumpf der Abtreibung. Im November 2004 beschloß der Bundesparteitag der österreichischen Sozialdemokraten einstimmig die Herausnahme der Fristenregelung aus dem Strafgesetzbuch und ihre Regelung in einem anderen Rechtsgebiet etwa dem Krankenanstaltengesetz.

Schwangerschaft als Krankheit?

Damit soll den ungeborenen Menschen der letzte schwache Rechtsschutz entzogen werden. Das wäre ein weiterer Schritt in Richtung Recht auf Abtreibung ungeborener Menschen bis zur Geburt inklusive Kostenübernahme.

Tun die Christdemokraten etwas?

Die Christdemokraten (ÖVP) tasten die Fristenregelung nicht an, sie steht für sie nicht einmal zur Debatte! Einzig aus dem Lager der Freiheitlichen Partei kamen zuletzt vereinzelt kritische Wortmeldungen zum bestehenden Gesetz.

Sprechen wir über den Ausstieg aus diesem Horrorszenarium.

Ich möchte durch eine nationale Kraftanstrengung eine Senkung der Abtreibungszahlen um mindestens 80% erreichen. Dazu schlage ich fünf einfache Sofortmaßnahmen vor.

Die erste?

Schützt schwangere Mütter. Jeder soll bestraft werden, der eine schwangere Mutter zur Abtreibung ihres Kindes drängt. Das geschieht heute in über 60% der Fälle durch die Väter.

Die zweite?

Die getöteten Kinder sollen auf Friedhöfen zum unbekannten Kind ähnlich wie bei gefallenen Soldaten begraben werden. Heute entsorgt man ihre Leichen als Sondermüll. Das sagt viel über den Zustand unserer Gesellschaft.

Die dritte Maßnahme?

Keine Diskriminierung von ungeborenen Behinderten. Ist es nicht unlogisch und absurd, einerseits behinderte Menschen zu unterstützen und zu fördern und sie andererseits auf bloßen Verdacht hin abzutreiben?

Viertens?

Keine öffentlichen Gelder für Abtreibungen. Es ist unlogisch und absurd, öffentliche Gelder für die Tötung ungeborener Menschen auszugeben, umso mehr als die Kinderabtreibung grundsätzlich eine strafbare Tat ist und der Staat daran überhaupt kein Interesse hat.

Der letzte Punkt?

Eine Prüfung durch den Rechnungshof. Das Ausmaß der Katastrophe wird heute vertuscht, weil es über die Kinderabtreibung weder Statistiken noch Evaluierungen gibt.

Müßte man nicht auch die Kindsväter anpacken?

Natürlich. Eine Hauptursache der heutigen Tragödie ist die Feigheit vieler Männer, sich zu ihren Kindern zu bekennen.

Wir kommen nicht weiter, solange es unverantwortlichen Vätern erlaubt ist, sich ihrer Pflicht gegenüber Mutter und Kind mit der Bezahlung von rund 400 Euro für eine Abtreibung zu entledigen und dann abzuhauen.

Also Recht des Stärkeren unter Kollaboration des Sozialstaates?

Jawohl. Das erklärt auch die folgende These: Die heutigen Abtreibungsgesetze sind Relikte der nationalsozialistischen und kommunistischen Ideologie.

In Österreich ist es zwar etwas besser als in den osteuropäischen, ehemals kommunistischen Ländern. Aber im westeuropäischen Vergleich ist die Lage besonders dramatisch, weil der österreichische Gesetzgeber praktisch keine Bremsen eingebaut hat.

Sie sprechen von den bei der Einführung der Fristenregelung versprochenen flankierenden Maßnahmen ?

Diese Maßnahmen hätten vor dreißig Jahren noch eine gewisse Wirkung gehabt. Heute sind sie Vergangenheit.

Jetzt kann es nicht mehr darum gehen, eine „Fristenregelung light“ hinzubringen, sondern darum, das mag pathetisch klingen, unser Land zu retten, dieses ungerechte Gesetz so rasch wie möglich aufzuheben und ungeborenen Menschen ein volles Lebensrecht zu gewähren.

Wie sehen sie die nahe Zukunft?

Die faulen Früchte der Fristenregelung sind zerfallende Familien, eine halbierte Geburtsrate, unfinanzierbare Pensionen, unglaubwürdige Ärzte und die drohende Euthanasie.

Dieses unmenschliche Gesetz wird fallen. Davon bin ich felsenfest überzeugt. Wie beim Fall des Eisernen Vorhangs kann es sehr rasch gehen. In Amerika gibt es erste Gesetzesinitiativen in diese Richtung.

Eine Änderung ist heute von ähnlicher Wichtigkeit wie der österreichische Staatsvertrag vor fünfzig Jahren.

Herr Diplomingenieur, wir danken ihnen für das Gespräch.

Diplomingenieur Andreas Kirchmair ist in Wien aufgewachsen, seit 24 Jahren verheiratet und Vater von vier Kindern. Er ist Betriebsinformatiker und selbständiger Unternehmensberater. Eine ursprüngliche Fassung des Interviews erschien in der Zeitschrift des österreichischen Mittelschüler-Kartell-Verbandes.

02.06.2006 kreuz.net