Mündig in den Tod

Die Sterbehilfe-Organisation „Dignitas“ will in Deutschland Fuß fassen von RAINER BECKMANN „Dignitas“ heißt „Würde“. „Dignitas“ ist auch der Name einer Schweizer Sterbehilfe-Organisation, die es sich zum Ziel gesetzt hat, Menschen zu helfen, die sich umbringen wollen.

 „Helfen“ heißt aber in diesem Fall nicht, ihnen eine menschenwürdige Lebensperspektive zu eröffnen, sondern ihnen den Weg in den „würdigen“ Tod zu ebnen. Juristisch geht es um „Beihilfe zur Selbsttötung“. In Deutschland ist dies nicht strafbar. Offenbar will „Dignitas“ mit der kürzlich in Hannover eröffneten Zweigstelle die deutsche Rechtslage zur Ausweitung des Tätigkeitsfeldes nutzen. In der Schweiz haben sich mit Untersützung dieses Vereins bereits über 450 Menschen das Leben genommen, darunter mehr als die Hälfte aus Deutschland. Dignitas hilft bei der Beschaffung des tödlichen Mittels „Pentobarbital“, das man in der Schweiz mit einem einfachen Arztrezept in Apotheken erhalten kann. Doch hier liegt das Problem. In Deutschland unterliegt Pentobarbital dem Betäubungsmittelrecht. Theoretisch könnte es trotzdem von einem Arzt - unter engen Voraussetzungen - verschrieben werden. Aber nach dem ärztlichen Standesrecht ist es Ärzten untersagt, an der Selbsttötung von Patienten mitzuwirken. Also kann man in Deutschland nicht so ohne weiteres mit medizinischer Hilfe Selbstmord begehen. „Dignitas“ will sich daher zunächst auf die Beratung von Hilfesuchenden beschränken. Aber es ist auch klar, wohin die Reise wirklich geht: man will mit entsprechender Lobbyarbeit den Boden dafür bereiten, dass in Deutschland künftig ebenfalls die ärztlich assistierte Selbsttötung hoffähig wird. Zur Forderung, auch die so genannte „aktive Sterbehilfe“ nach dem Muster der Niederlande oder Belgien zu legalisieren, ist es dann nur noch ein kleiner Schritt. Der Chef von „Dignitas“, der schweizer Journalist und Rechtsanwalt Ludwig Minelli, wird nicht müde auf ein angebliches „Recht auf assisterten Freitod“ zu pochen. Dem „mündigen Bürger“ dürfe das Recht zur Selbsttötung nicht vorenthalten werden. Er sagt: „Suizid ist eine großartige Möglichkeit, die es dem Menschen ermöglicht, sich einer ausweglosen Situation zu entziehen“. Doch was ist von der „Mündigkeit“ von Suizidenten zu halten? Alle Experten sind sich einig, dass Selbsttötungsversuche in aller Regel nicht wirklich „frei“ erfolgen. Hinter dem Wunsch zu sterben, stehen vielfältige Motive: Angst vor Leiden und Schmerzen, soziale Entwurzelung, Einsamkeit, fehlende Lebensperspektiven. Hier ist es die Aufgabe einer Gesellschaft, Lebenshilfe zu bieten. Die Organisation und Mithilfe bei der Selbsttötung wäre der falsche Weg. Gerade seit einigen Jahren haben die Palliativmedizin und die Hospizbewegung starken Aufschwung genommen. Mit modernen Schmerztherapien bis hin zur Bewusstseinsdämpfung in ganz gravierenden Fällen können auch schwere Krankheitszustände im Endstadium beherrscht werden. Auch hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass nicht jeder Therapieversuch sinnvoll ist und dass ein Zulassen des Sterbens, kombiniert mit guter Symptombehandlung, eine würdigen Abschluss des Lebens darstellen kann. Töten ist dagegen - vor allem aus christlicher Sicht - strikt abzulehnen, auch wenn es durch die eigene Hand geschieht. Wir dürfen nicht über das Geschenk des Lebens verfügen. Aber auch aus säkularer Perspektive stellt sich die Selbsttötung nicht als „Recht“ dar. Sie ist eine rein tatsächliche Handlungsoption, mit der man sich aus der Rechtsgemeinschaft verabschieden kann. Wer so handelt, kann letztlich nicht mit Gewalt daran gehindert werden. Aber eine Unterstützung dieses Vorgehens ist nicht zu rechtfertigen. Sie würde voraussetzen, dass man im konkreten Fall das Leben für nicht mehr lebenswert, für „lebensunwert“ hält. Und wenn es überhaupt „lebensunwertes Leben“ gibt, dann wäre es die logische Konsequenz, ein solches Leben auch dann zu beenden, wenn es der Betroffene nicht ausdrücklich wünscht oder nicht mehr wünschen kann. In den Niederlanden geschieht dies täglich. Auf diese schiefe Ebene sollte sich jedoch kein Rechtsstaat begeben.

Noch gefährlicher wird es, wenn die „Dignitas“-Aktivisten Parallelen zur Abtreibungsregelung ziehen: Es komme doch - wie beim § 218 StGB - nur darauf an, die Leute vor ihrem letzten Schritt richtig zu beraten. Na dann, gute Nacht Deutschland! Soll der legalisierten hunderttausendfachen Tötung Ungeborener im Mutterleib „nach Beratung“ nun auch die „Selbstentsorgung“ der alten und kranken Menschen „nach Beratung“ folgen? Ob Tötung oder Selbsttötung - wir sollten in unserer Gesellschaft bessere Lösungen für individuelle oder soziale Konfliktsituationen finden!

 

24.10.2006 mit freundlicher Genehmigung  http://www.vers1.net/