Arbeitsplatz Herd

Väter, die die Erziehung ihrer Kinder übernehmen, müssen die gleiche gesellschaftliche Anerkennung erhalten wie Mütter", heißt es im neuen Grundsatzprogramm der CDU. Wenn das keine Drohung sein soll, dann ist es ein schlechter Witz.

Es kann der CDU nicht entgangen sein, dass das Prestige von Müttern, die sich noch selbst um ihre Kleinkinder kümmern, auf einem Tiefstand angelangt ist. In einer Gesellschaft, die als Arbeit nur anerkennt, was auch Geld einbringt, jeden Ansatz zur Entlohnung von Familienarbeit aber mit Schlagworten wie "Herdprämie" oder "Heimchenbonus" abzutöten versucht, kann es jedenfalls nicht weit her sein mit dieser Anerkennung. Die Art und Weise, wie die Familie in Deutschland verächtlich gemacht und ausgebeutet wird, nennt Jürgen Liminski Verrat.

 

Mit dem Ausruf "Wir werden manipuliert!" stürzt sich der zehnfache Vater und Journalist zunächst auf das politisch-mediale Establishment. Es vermittele der Öffentlichkeit ein "Zerrbild der Familie". Fälle von Kindesmissbrauch und -vernachlässigung würden hochgespielt, um darzutun, dass die Kinder doch am besten in der Obhut des Staats aufgehoben wären. Nach polizeilichen und soziologischen Erkenntnissen sei aber allenfalls ein Prozent der Eltern wirklich mit der Erziehung überfordert. Dass der verbreitete Wunsch nach mehr Krippenplätzen herbeigeschrieben werde, wie der Autor meint, lässt sich so aber nicht belegen. Lange genug haben sich Konservative dafür an der Wahlurne abstrafen lassen, dass sie sich dem Ausbau der Krippenplätze entgegenstellten. Anders wäre es vielleicht, wenn es das von Liminski geforderte, politisch aber kaum durchsetzbare Familienwahlrecht gäbe, denn die demoskopisch ermittelten Wünsche junger Eltern sind nicht so weit vom traditionellen Familienbild entfernt wie es die tonangebende Schicht oft weismachen will.

 

Den christlichen Parteien nimmt es der bekennende Katholik Liminski besonders übel, dass sie den demographischen Niedergang vor allem als Problem des Arbeitsmarkts betrachteten und Familienpolitik an den Interessen der Wirtschaft ausrichteten. Hier mische sich "Alt-Feminismus mit Ökonomismus pur". Früher habe man das Ausbeutung genannt. Ungerührt sehe die Politik zu, wie das Umlagesystem die Kinderlosen prämiere und junge Leute von der Familienbildung abschrecke. Im Für und Wider um das Betreuungsgeld habe sogar die Familienministerin selbst "mit Steinen auf die Familien" geworfen. Ihre Äußerung, es müsse sichergestellt werden, "dass nicht noch mehr Geld in Flachbildschirme fließt", sei ein Affront gegen 98 Prozent der Familien, die dieser staatlichen Kontrolle nicht bedürften. Die eigentliche Ursache der demographischen Fehlentwicklung sieht der Autor in der Weigerung, die häusliche Leistung zu entlohnen. Auch das Elterngeld werde ja ausdrücklich nicht als Anerkennung für eine gesellschaftlich wertvolle Leistung gezahlt, wie das zuvor gewährte Erziehungsgeld, sondern lediglich als Ersatz für entgangenen Lohn.

 

Es werde sich noch zeigen, dass die Wirtschaft viel stärker von der Familie abhängt als umgekehrt. Denn am "Arbeitsplatz Herd" werde das Humanvermögen der Gesellschaft zubereitet. Von der Zuwendung in der Familie hänge es ab, ob Empathie, Bindungsfähigkeit, Selbstbewusstsein und Tugenden - die Grundlagen eines gedeihlichen Zusammenlebens - entwickelt werden können. Auch die Innovationsfähigkeit einer Gesellschaft sei in hohem Maß Ergebnis einer individuellen und konstanten Betreuung in der frühen Kindheit. Liminski weist auf eine Vielzahl neurowissenschaftlicher, psychologischer und soziologischer Untersuchungen hin, die diese These stützen, aber kaum zur Kenntnis genommen werden. Johannes Paul II. zitiert er mit dem Satz: "Meint nicht, dass Ihr Bedeutenderes im Leben tun könntet als gute christliche Mütter und Väter zu sein." Und genau das könne der Staat eben nicht.

 

Als Teil eines "inszenierten Großbetrugs" kennzeichnet der Autor die Behauptung, der Staat gebe jedes Jahr 184 Milliarden Euro für Familien aus. Abgesehen davon, dass Bildungseinrichtungen, die den größten Teil dieses monströsen Betrags verschlingen, Investitionen der Gesellschaft in ihre eigene Zukunft und keine spezifischen Familienhilfen seien, würden zwei Drittel davon von den Familien selbst aufgebracht, seien also nur die Rückgabe von Geldern, die ihnen verfassungswidrig entzogen worden seien. Von den wiederholten Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts, die Steuer- und Abgabelasten familienfreundlicher zu gestalten, nehme die Politik kaum Notiz.

 

Das Buch liefert auf jeder Seite eine Fülle von Fakten und Argumenten gegen eine Familienpolitik, die die Doppelverdienerehe und die frühkindliche Fremderziehung zum Fetisch erhebt. Auch wenn die Bundestagsparteien den Zug längst in diese Richtung haben abfahren lassen, so wird es doch einer große Minderheit, die sich dem Trend noch entgegenstellt, als Trost- und Munitionsspender dienen.

 

Jürgen Liminski: Die verratene Familie. Politik ohne Zukunft. Sankt Ulrich Verlag 2007, 176 Seiten, 18,90 Euro.

Jürgen Liminski 12. Dezember 2007